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Bahá’í in Ägypten äußern sich zur Zukunft ihres Landes

Der Aachener Bundestagstagsabgeordnete Rudolf Henke (CDU) zeigt seine Unterstützung für den im Iran inhaftierten Behrouz Tavakkoli.

Die ägyptischen Bahá’í fordern vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Umbrüche in ihrem Land den Beginn eines „umfassenden Konsultationsprozesses über die Zukunft des Landes“. Mit einem Brief wenden sich die Bahá’í Ägyptens erstmals an ihre Landsleute, wie der Bahá’í World News Service berichtet. An dieser Stelle geben wir die deutsche Übertragung der Meldung wieder.

In dem offenen Brief an die ägyptische Nation fordern die Bahá’í ihre Landsleute auf, einen eigenen, „neuen und wirklich fortschrittlichen Ansatz“ für gesellschaftliche Entwicklung zu suchen anstatt auf „zweckdienliche Lösungen und existierende Modelle anderer Gesellschaften“ zu blicken. Eine „höchst weise Wahl“ könnte sich auf die Entwicklung der gesamten Region auswirken und sogar Einfluss auf die ganze Welt haben, heißt es in dem Brief. Alle betroffenen Menschen, insbesondere auch die jungen, müssten in einen nationalen Diskurs einbezogen und damit zu Akteuren ihrer eigenen Entwicklung werden.

Käme es zu dem vorgeschlagenen nationalen Konsultationsprozess über die Zukunft Ägyptens, legten die Bahá’í großen Wert auf die Festlegung und Anwendung grundlegender Prinzipien. „Der Versuchung, vorschnell Abmachungen zu treffen und über Machtverteilungen zu entscheiden, sollte widerstanden werden“, heißt es in dem Brief.

Seit seiner Veröffentlichung zu Beginn des Monats wurde der Brief an verschiedene Entscheidungsträger Ägyptens verschickt, darunter an religiöse Führer, Politiker, Rechtsgelehrte, Menschenrechtsaktivisten und Künstler. Er wurde auch in der Presse veröffentlicht und ist auf Webseiten und Blogs zu lesen. Bereits die Veröffentlichung des Briefes im Internet rief positive Reaktionen hervor.

Die Stellungnahme sei “zutiefst humanitär, zivil und fortschrittlich“, hieß es in einem Kommentar. „Der Brief … ist wie eine sehr gute Anleitung für viele zukünftige Jahre”, kommentierte ein anderer Leser. “Lasst uns jeden Schritt gehen, unser neues Ägypten mit viel Sorgfalt, Geduld, Beratung und Vertrauen aufzubauen“, hieß es weiterhin.

Die Bevölkerung miteinbeziehen

In ihrer ersten öffentlichen Äußerung dieser Art weisen die ägyptischen Bahá’í darauf hin, dass die Herausforderung, vor der ihr Land steht, der Beginn eines Beratungsprozesses sei über jene Prinzipien, die Einfluss haben auf den gesellschaftlichen Wandel. Die Ägypter müssten das Risiko so weit vermeiden, in die Muster existierender Modelle zu fallen – die ohnehin keinen Vorteil darin sehen, Menschen teilhaben zu lassen – bis wirklich alle in die Lage versetzt werden, an dem Konsultationsprozess teilzunehmen.

“Das beständige und umfassende Einbeziehen der Bevölkerung in einen solchen Beratungsprozess wird die Bürger in großem Umfang davon überzeugen, dass die Schaffung einer gerechten Gesellschaft den politischen Entscheidungsträgern am Herzen liegt. Wenn wir die Möglichkeit haben, an einem solchen Prozess mitzuwirken, wird dies unser kürzlich erwachtes Bewusstsein nur bestärken, dass wir die Gestalter unserer eigenen Zukunft sind und bereits jetzt die kollektive Kraft haben, uns zu verändern.“

Die Bahá’í regen darüber hinaus ihre Landsleute an, eine Reihe von Prinzipien sorgfältig zu bedenken, die den Wandel ihrer Gesellschaft prägen werden. „Zu oft endet durch öffentlichen Protest herbeigeführter Wandel in Enttäuschung… Daher ist es wesentlich, einen breiten Konsens über die Verfahrensregeln zu erzielen, die das neue Modell der Gesellschaft bilden sollen“, schreiben die ägyptischen Bahá’í. „Dies ist eine mühsame Aufgabe. Einen kohärenten Satz an Prinzipien aus voneinander abweichenden Vorstellungen zu erzielen, der die kreative Kraft hat, unsere Bevölkerung zu vereinen, ist keine leichte Aufgabe.“

Zu solchen Prinzipien gehört nach Ansicht der Bahá’í: die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Bildung für alle, die Bereitstellung geeigneter Mittel, um die Freiheit zu sichern, die die Menschen bereits gewonnen haben, sowie die Förderung eines neuen Verständnisses, der den Respekt für wissenschaftliche Forschung mit religiösen Werten verbindet, als der beste Weg für materielle Entwicklung.

Eine “reife Gesellschaft zeigt, vor allem anderen, ein Merkmal: die Anerkennung der Einheit der Menschheit“, bekräftigt der Brief. „Daher sind die bleibenden Erinnerungen der letzen Monate glücklicherweise nicht religiöse Uneinigkeit oder ethnische Konflikte, sondern das Beiseitelegen von Differenzen zugunsten einer gemeinsamen Sache.“

Viele Leserinnen und Leser haben bereits den Vorschlag eines nationalen Diskurses im Internet kommentiert:

„Einen neuen Pfad einzuschlagen, wie es dieser kraftvolle Brief vorsieht, würde nicht nur allen Menschen in Ägypten zum Wohl gereichen, sondern alle Länder der Erde inspirieren. Wir beten, dass Allah die Entscheidungsträger anleiten wird, solche Prinzipien, die von den Bahá’í so umsichtig vorgebracht wurden, sorgfältig abzuwägen.“

„Wir haben die Wahl, [diese Prinzipien] entweder anzuwenden und den Übergang relativ schmerzfrei zu gestalten oder sie zu ignorieren und es dadurch unendlich schwieriger zu machen.”

“Ich hoffe sehr, dass die Politiker und Vordenker in Ägypten diese maßgebende Vorschrift berücksichtigen. Sie haben in Bezug auf soziale Ordnung, Harmonie und Respekt der Minderheitenrechte keine große Wahl…”

“Diese faszinierende Stellungnahme ist sowohl erhaben, wie auch praktisch. Alle Ägypter sollten sie lesen und im Detail diskutieren, bevor Entscheidungen über die Zukunft ihres ruhmreichen Landes getroffen werden.”

Ein kritischer Augenblick

Der offene Brief ist eine Zäsur. Es ist das erste Mal, dass die ägyptischen Bahá’í ihre Landsleute nach über fünfzigjähriger Unterdrückung direkt ansprechen. “Wir haben uns nach dieser Chance gesehnt”, freuen sich die Bahá’í. “In diesem kritischen Augenblick der Geschichte unseres Landes durften wir einen bescheidenen Beitrag zum Diskurs über die Zukunft leisten, die jetzt begonnen hat. Wir durften einige Ideen teilen, die sich aus unseren Erfahrungen und denen der Bahá’í in aller Welt speisen. Diese Ideen beschreiben die nötigen Voraussetzungen, um dauerhaftes materielles und geistiges Wohlergehen zu erreichen.“

Mit einem Dekret des ägyptischen Präsidenten aus dem Jahr 1960, das von den nachfolgenden Regierungen bestätigt wurde, war es den Bahá’í verboten, sich als Gemeinde zu konstituieren und organisierte Aktivitäten durchzuführen. Es folgten Verhaftungen, Durchsuchungen, Überwachungen und die Vernichtung von Bahá’í-Literatur. Außerdem durften Bahá’í weder legal heiraten, noch hatten sie Ansprüche auf Kindergeld, Renten, Erbschaften, Scheidungen, Alimente oder Sorgerecht.

In den letzten Jahren kam die faktische Illegalisierung ihrer bürgerlichen Existenz aufgrund der eingeführten Digitalisierung des Meldewesens hinzu. Die Bahá’í konnten ihre Religionszugehörigkeit nicht auf Personenstandsdokumenten, vor allem nicht auf Personalausweise, angeben, da nur die drei offiziellen Religionen zur Auswahl standen. Dies hatte unmittelbare Folgen vor allem im alltäglichen Leben, da die Notstandsgesetze zur Pflicht machten, sich jederzeit ausweisen zu können. Auch konnten Bahá’í sich nicht mehr an Universitäten einschreiben, Verträge abschließen oder selbst in den staatlichen Supermärkten einkaufen. Nach einer längeren Kampagne von mehreren Menschenrechtsorganisationen und Menschen guten Willens, die die ägyptischen Bahá’í unterstützten, entschieden Gerichte schließlich zugunsten der Bahá’í. Diese Entscheidung wurde von vielen in- und ausländischen Beobachtern als wichtiger Sieg für die Meinungs- und Gewissensfreiheit angesehen, die unabhängig der Religionszugehörigkeit zu gewähren ist.

Trotz dieser und anderer Formen der Unterdrückung haben die Bahá’í ihre positive Einstellung – ein grundlegender Zug ihres Glaubens – nicht verloren und beabsichtigen auch weiterhin, ihre Energie für die Verbesserung ihrer Gesellschaft einsetzen. Im Internet kommentierte ein Leser bereits: „Ich hoffe, dass diese Bemühungen ein besseres Ägypten für uns alle und nicht nur die Interessen einer Bevölkerungsgruppe zu Lasten der anderen erzeugen.“

Der Brief ist im arabischen Original hier zu lesen, eine englische Übersetzung findet sich hier.