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„Der Marathon-Killer“ lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bahá’í im Iran

MI6-Agent Daniel Marchant läuft das Rennen seines Lebens: Denn wenn einer der Teilnehmer am London Marathon das Tempo verringert, wird eine Bombe hochgehen und mit ihr der US-Botschafter. Die atemberaubende Rettungsaktion gelingt, und Marchant ist der Held des Tages – bis er der Mittäterschaft verdächtigt wird… Der Spionage-Roman „Dead Spy Running“ des britischen Autors Jon Stock erschien 2010 unter dem Titel „Der Marathon-Killer“ auch in deutscher Sprache. Die Schlüsselszene spielt vor dem Bahá’í-Haus der Andacht in Neu Delhi. Auch ist die Verfolgung der Bahá’í im Iran tragendes Motiv. Die Zeitschrift The American Bahá’í sprach mit dem Autor, warum die Bahá’í in seinem Thriller eine so prominente Rolle einnehmen. Wir veröffentlichen das Interview in Auszügen.

Wie haben Sie sich für Ihr Buch über die Bahá’í-Religion informiert?

Ich habe viel Zeit online verbracht. Es ist faszinierend, wie viel Information man im Netz finden kann. Zu einer Zeit war ich so an der Religion interessiert, dass ich fast von meinem eigentlichen Vorhaben abgekommen bin und fast einen Bahá’í-Thriller statt einen Spion-Thriller geschrieben hätte.

Was sind Ihre persönlichen Überzeugungen und welchen Sinn sehen Sie im Leben?

Auf Facebook beschreibe ich meine Religion als “Ehrfurcht” und “Verwunderung“. Ich bin christlich erzogen worden, habe aber keinen starken christlichen Glauben. Ich glaube schon an so etwas wie Gott und einzelne Aspekte des Islam, Hinduismus und des Christentums gefallen mir. Kurz gesagt bin ich ein Anwärter, zum Bahá’í-Glauben überzutreten!

Erzählen Sie uns über Ihren Besuch des Lotus Tempels.

Ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich habe den Tempel so lange wir in Delhi gelebt haben, nie besucht. Ich hatte es immer vor, aber es hat nie geklappt. Wir sind dauernd daran vorbei gefahren und so war er ein Teil unseres Lebens und ein Teil der schönen Stadtpanoramas, aber wir waren nie drin. Das tut mir so leid und es klingt wirklich fürchterlich! Aufgrund dieser kulturellen Trägheit hatte ich ein problem, als ich den Tempel für die letzte Szene in Dead Spy Running nutzen wollte. Gut, dass es Google gibt… ich verbrachte viele Stunden mit der Betrachtung von Satellitenbildern der Gärten, mass die Abstände mit einem Lineal nach und entwarf die letzten Szenen mit mathematischer Präzision. Für den Innenraum zog ich die Pläne des Architekten hinzu. Der Mann hinter dem wunderschönen Gebäude ist Fariborz Sahba, der natürlich ein iranischer Bahá’í ist. Das war eine gute Fügung, aber ich möchte hier nicht das Ende des Romans vorwegnehmen!

Wie haben Sie von der Lage der Bahá’í im Iran erfahren?

Während ich mich über den Bahá’í-Glauben informierte, stieß ich auf eine Veröffentlichung von Amnesty International. Die Organisation bat die iranische Regierung um Stellungnahme zu einem unheimlichen Brief, der die Revolutionsgarde auffordert, Informationen über die Bahá’í zu sammeln und ihre Aktivitäten aufzuzeichnen. Der Brief bezeichnete die Bahá’í als „irregeleitete Sekte“. Ich war geschockt, wie viele Bahá’í nach der Revolution 1979 im Iran ermordet wurden und wieviele litten. Amnesty International nannte auch den Vorfall von 2006, als 54 Bahá’í in Shiras verhaftet wurden, weil sie benachteiligte Kinder unterrichtet hatten. Meine weibliche Hauptfigur in in Dead Spy Running heißt Leila. Ihre Mutter ist eine Iranerin, die nach der Revolution geflohen ist. Ich entschied mich dazu, die Mutter zu einer Bahá’í zu machen. Dies erwies sich später im Buch als gutes Motiv für Leila.

Da sich die Situation der Verfolgung derzeit verschlechtert – was könnte Ihrer Meinung nach helfen, die Verfolgung einzudämmen, basierend auf dem, was Sie für Ihr Buch recherchiert haben oder auf Ihren Erfahrungen?

Ob richtig oder falsch, ich hoffe, dass ich mit diesem Mainstream-Thriller Aufmerksamkeit auf das Leid der Bahá’í im Iran lenken kann. Warner Bros. verfilmt das Buch gerade. Ich habe das Drehbuch noch nicht gesehen [geschrieben von Oscar-Preisträger Stephen Gaghan, der auch Syriana and Traffic schrieb], aber es wäre toll, wenn das Bahá’í-Motiv der Geschichte erhalten bliebe. Es würde Aufmerksamkeit auf das Leid der Bahá’í im Iran lenken und das Regime in Teheran daran erinnern, dass die Welt sie beobachtet. Der Bahá’í-Glaube erhielt in Großbritannien durch den Tod von dem britischen Bahá’í Dr. Kelly viel Presse, aber in den letzten Jahren ist er nicht auf dem Schirm der Medien. Interessanterweise haben einige Leute dies erwähnt, nachdem sie das Buch gelesen hatten.

Jon Stock studierte Englisch in Cambridge, schrieb nach dem Studium für fast alle renommierten Tageszeitungen Großbritanniens und war Radioredakteur bei der BBC. Seit 1998 ist er beim Daily Telegraph angestellt. Drei Jahre lang war er deren Auslandskorrespondent in Indien; seit seiner Rückkehr nach London ist er fester Mitarbeiter der Telegraph-Wochenendredaktion. Er lebt mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern in Wiltshire.

Jon Stock
Der Marathon-Killer
Aus dem Englischen von Andreas Helweg
Blanvalet Taschenbuchverlag
416 Seiten
ISBN: 978-3-442-37464-9