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Desmond Tutu und Jose Ramos-Horta fordern Freilassung der Bahá’í

Der Aachener Bundestagstagsabgeordnete Rudolf Henke (CDU) zeigt seine Unterstützung für den im Iran inhaftierten Behrouz Tavakkoli.

Die beiden Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, anglikanischer Erzbischof Kapstadts, und Jose Ramos-Horta, Präsident von Osttimor, üben scharfe Kritik an der iranischen Regierung. In einem offenen Brief an die akademische Weltgemeinschaft, der gestern in dem Internetmagazin Huffington Post erschien, vergleichen sie das Vorgehen gegen die Bahá’í im Iran mit dem „finsteren Mittelalter in Europa“ und der „spanischen Inquisition“. Die Nobelpreisträger fordern die akademische Weltgemeinschaft auf, gegenüber ihren iranischen Kollegen zum Ausdruck zu bringen, dass sie jegliche Politik schlecht heißen und verurteilen, die Menschen wegen ihrer religiösen oder politischen Überzeugungen von Bildung auszuschließen. Unterdessen wurde bekannt, dass sieben von elf Dozenten und Mitarbeiter des Bahá’í Instituts für Höhere Bildung (BIHE) vor dem Revolutionsgericht in Teheran erscheinen mussten.

Desmond Tutu und Jose Ramos-Horta verurteilen scharf die aktuellen Prozesse gegen die Bahá'í im Iran (Bildnachweis: links UN Photo / Jean-Marc Ferre, rechts UN Photo / Ky Chung)

In ihrem Brief fordern die Nobelpreisträger die iranische Regierung auf, die sieben Bahá’í, denen aufgrund ihres Engagements für das Recht auf Bildung derzeit im Iran der Prozess gemacht wird, bedingunglos freizulassen und die Anklagen gegen sie fallen zu lassen. „Der Fortschritt der Menschheit in den letzten Jahrhunderten wurde, mehr als durch alle anderen Faktoren, durch den Zugang zu Information, einen schnelleren Austausch von Ideen und durch universelle Bildung in weiten Teilen der Erde beschleunigt”, schreiben sie. “Daher ist es besonders schockierend, wenn Despoten und Diktatoren im 21. Jahrhundert danach streben, ihre eigene Bevölkerung zu unterjochen, indem sie versuchen, ihnen Bildung oder Informationen vorzuenthalten.“

Langfristig sei dies nicht nur ein sinnloses Unterfangen, schreiben sie. Sie wirkten auch so, als ob sie vor der Zeit, in der sie leben, Angst hätten, gejagt von den neuen Denkern um sie herum. „Das vielleicht hervorstechendste Beispiel dieser Angst ist die Weigerung, die Anhänger der Bahá’í-Religion, einer friedfertigen Religion ohne politische Anliegen, die die Einheit aller Religionen anerkennt, zu höherer Bildung zuzulassen”, heißt es in dem Brief weiter.

Prozess gegen Bahá’í hat begonnen

Die Veröffentlichung des offenen Briefes erschien gleichzeitig mit Berichten, wonach sieben von elf Bahá’í-Dozenten derzeit der Prozess gemacht wird. Sie wurden am Wochenende des 20./21. Mai bei Razzien in ganz Iran festgenommen. Die Verhaftungen waren gegen das Bahá’í Institute for Higher Education (BIHE) gerichtet, eine Initiative, die es Bahá’í-Professoren ermöglichte, weiterhin ihren Beruf auszuüben, nachdem sie von den Universitäten wegen ihres Glaubens verwiesen worden waren. Sie unterrichteten ehrenamtlich junge Gemeindemitglieder, denen ebenfalls der Zugang zu Universität verwehrt wird.

“Die Inhaftierten waren weder politische noch religiöse Führungspersönlichkeiten“, so Erzbischof Tutu und Präsident Ramos-Horta in ihrem Brief. „Sie waren Lehrer in Fächern wie Buchhaltung und Zahnmedizin. Und heute drohen ihnen deswegen Jahrzehnte im Gefängnis. Das Verbrechen, dessen sie angeklagt sind, ist, Bahá’í-Jugendliche unterrichtet zu haben.“

Währenddessen erfuhr die Bahá’í-Gemeinde Deutschland, dass sechs der sieben Personen, die im Zuge der Razzien Ende Mai festgenommen wurden, derzeit jeweils zu zweit der Prozess gemacht wird. Ein weiterer Bahá’í stand dem Vernehmen nach bereits letzte Woche vor Gericht.

„Zwei Angeklagte sollen vorgestern, am Sonntag, vor Gericht vorgeladen worden sein, zwei gestern und zwei weitere heute am Dienstag”, sagt Prof. Dr. Ingo Hofmann, Sprecher der Bahá’í-Gemeinde für Menschenrechtsfragen. „Bereits die Umstände der Untersuchungshaft der Bahá’í erinnern fatal an den Prozess gegen die sieben Mitglieder des ehemaligen Führungsgremiums der iranischen Bahá’í-Gemeinde, zumal es sich um den gleichen Richter handelt, der bereits im vorherigen Fall für das unfaire Verfahren und die unmenschlichen Haftbedingungen verantwortlich war. Überdies scheint der Beginn des Verfahrens sorgfältig gewählt worden zu sein, fällt er doch in einem Zeitraum, in dem die internationale Staatengemeinschaft ihren Blick auf die UN-Generalversammlung lenkt.“

Exmatrikuliert aufgrund ihres Glaubens

Der offene Brief der Friedensnobelpreisträger beleuchtet auch das Leid anderer iranischer Jugendlicher, die der Universitäten wegen ihres Glaubens verwiesen wurden oder weil sie Standpunkte vertreten, die die regierende Partei nicht teilt. „Wir glauben, dass es wichtig ist zu erkennen, dass dieses Vorgehen weder Folge des muslimischen Glaubens ist noch durch den Glauben vorgegeben ist. Man muss nur das finstere Mittelalter in Europa oder die spanische Inquisition heranziehen, um zu sehen, dass die iranischen Ayatollahs nicht die ersten sind, die die Religion als Deckmantel dafür benutzen, um Ideen und Wissen gewaltsam zu unterdrücken, von denen sie befürchten, dass sie ihre eigene Macht untergraben könnten. Die reichen philosophischen und künstlerischen Traditionen im Iran, die Beiträge iranischer Gelehrter weltweit und die Taten muslimischer Mitbürger, die dem BIHE halfen und es unterstützten, bezeugen die Tatsache, dass das Vorgehen der Regierung weder den muslimischen Glauben noch die vielen muslimischen Mitbürger guten Willens in iranischen Gemeinden wiedergibt“, heißt es in dem Brief.

Die sieben Bahá’í-Dozenten, denen der Prozess gemacht wird, sind Vahid Mahmoudi und Kamran Mortezaie, die angeblich vorgestern, sowie Mahmoud Badavam und Nooshin Khadem, die gestern vor Gericht standen. Ramin Zibaie und Riaz Sobhani sollen den Informationen zufolge heute vor Gericht erscheinen. Farhad Sedghi soll bereits am Dienstag, dem 20. September, vor Gericht geladen worden sein.