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„Ich klage die Geschichte an“

Mahvash Sabet wird am 18. September 2017 nach neuneinhalb Jahren ungerechter Haft aus dem Gefängnis entlassen.

Heute Nachmittag, ich hatte gerade Besuch, reichte mir meine Mutter das Telefon.

„Ja, bitte?“, frage ich.

„Iraj Eslahi von der Staatsanwaltschaft, Abteilung für Strafvollzug. Ich fordere sie auf, sich umgehend zum Strafvollzug zu melden!“ tönt eine Stimme.

Ich frage: „Ist das Urteil denn bestätigt?“

Die Stimme sagt: „Ja, Ihre Akte liegt vor.“

Ich frage: „Wann soll ich kommen?“

Die Stimme sagt: „Unverzüglich!“

Ich sage: „Ich kann erst in einer Woche, vorher geht es nicht.“

Die Stimme hält kurz Rücksprache und sagt dann: „Kommt nicht in Frage, spätestens Dienstag nächster Woche.“

Ich sage: „Das geht nicht.“

Nach einer kurzen Verhandlung einigen wir uns schließlich auf den Samstag, 25. Shahriwar (16. September).

Alina steht neben mir. Sie war während des Gesprächs dazugekommen.

Nach Beendigung des Telefonats fragt sie: „Wer war das?“

Ich sage: „Mein Urteil ist rechtskräftig.“

So beginnt die Aufzeichnung eines iranischen Bahá’í, wenige Tage bevor er in das berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis einbestellt wird, um seine langjährige Haftstrafe anzutreten – allein weil er Bahá’í ist und sich für das Recht junger Menschen auf Bildung in seiner Heimat einsetzte. In dem nur wenige Seiten umfassenden Bericht drückt er eindrucksvoll die Diskrepanz zwischen der auch auf diesem Blog gut dokumentierten Geschichte des Leids der Bahá’í in der Islamischen Republik Iran und seinen persönlichen Gefühlen aus, über die die Geschichte hinwegzugehen scheint. Er zitiert aus einem an ihn gerichteten Brief eines weiteren Gefangenen:

Entweder vergessen wir diese Vorfälle oder wir protokollieren sie lediglich; Aufzeichnung von Erlebnissen ohne Gefühl. Wir vergessen den Schmerz des Brennens. Wir glauben, wir könnten diese Ereignisse ungeschehen machen oder sie schwänden mit der Zeit immer mehr, bis sie sich im Leben verlieren und nichts mehr davon bleibt. Wenn aber diese Ereignisse verallgemeinert werden, dann entwickeln sie sich zur Geschichte – der Geschichte meines und unseres Lebens und der unserer Stadt und schließlich zu einer einfachen Aneinanderreihung von Vorfällen und Geschehnissen. Statistiken und Ereignissen ohne Gefühl. Wir nehmen sie dann nur in Gedanken auf. Wir halten sie sogar für erlogene, übertriebene oder lückenhafte Berichte.

Keines unserer Urteile berücksichtigt die Einsamkeit, die Empfindungen und die Ängste. So bleibt das Leben oder die Menschlichkeit verborgen. Wir lernen nicht daraus und unsere Vergangenheit kann nicht als Lampe dienen, die uns den Weg der Zukunft erhellt. Vielleicht hätten wir anders gelebt, wenn wir die Vorfälle und Geschehnisse in Verbindung mit dem Leben und der Menschlichkeit gesehen hätten. Dann wäre die Geschichte ein Mahnspiegel, in dem wir uns – den Menschen – sehen würden. Ich denke, wenn heute ein Mensch diese tragischen Ereignisse betrachtet, kann er sich in diesem Spiegel nicht sehen. Auf der einen Seite stehen die Gefühle und Hoffnungen, auf der anderen Seite Statistiken, Zahlen und Vorfälle.

Der gesamte Text kann hier abgerufen werden.