Medienberichterstattung

Gegen das Vergessen: Die Bahá’í im Ersten Golfkrieg

Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Dr. Bärbel Koffer (© SPD Parteivorstand / Susie Knoll / Florian Jaenicke)

Am 22. September 1980 bricht ein bitteres Kapitel der iranischen Geschichte an. Die folgenden acht Jahre des Ersten Golfkriegs (1980-1988) fordern zahlreiche Opfer auf iranischer sowie auf irakischer Seite. Während das islamische Regime des Iran den Krieg und seine Märtyrer feiert, finden die Mitglieder der religiösen Minderheiten, die ebenso kämpften und gefangen genommen wurden, keinerlei Erwähnung in den iranischen Medien. Die iranische Regierung scheint alles daran zu setzen, dass die Kriegsopfer der Bahá’i vergessen bleiben. Ihre Familien bleiben ohne jegliche Unterstützung zurück. Der Berliner Journalist Sepehr Atefi berichtet im persischen Dienst der BBC über diese Schwierigkeiten der Bahá’i während des Ersten Golfkriegs und die Ungerechtigkeiten, die sie auch nach dem Krieg ausgesetzt sind. Eine Zusammenfassung.

von Katharina Haase

Für die Gegner der Bahá’i kommt der Krieg im Jahr 1980 mehr als gelegen, da „jede kriminelle Handlung – ganz zu schweigen von der Verfolgung der Bahá’í – als Strategie gegen den Irak gerechtfertigt werden konnte“, schreibt Sepher Atefi. Nach Angaben von Fereydoun Vahman (Autor von „160 Jahre Verfolgung der Bahá’i im Iran“) wurden 192 Baha’i während des Ersten Golfkriegs gefangen genommen, einige von ihnen gefoltert und hingerichtet. Die Dunkelziffer kann jedoch weit höher liegen, da keine zuverlässigen Statistiken über die Todesopfer unter den religiösen Minderheiten vorhanden sind. Während dieser Zeit werden Bahá’í außerdem aus akademischen Berufen und staatlichen Ämtern verdrängt, ihre Ehen werden für ungültig und ihre Kinder für illegitim erklärt.

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Yazd (Iran): Friedhof der Gefallenen des Iran-Irak-Kriegs 1980-1988

Der Zeitzeuge Zeinalabedin Alai erinnert sich, dass die Bahá’í während des Krieges versuchten, in nicht-kämpfenden Einheiten ihrer militärischen Dienstpflicht zu folgen. Eine Leitlinie ihres Glaubens ist es, nicht Gewalt auszuüben. Dieser Wunsch wurde ihnen allerdings verwehrt, sodass auch Bahá’í in den Kampfhandlungen ihr Leben ließen oder in irakischer Gefangenschaft gerieten, schreibt Atefi.

In irakischer Kriegsgefangenschaft sind die Bedingungen für iranische Bahá’í genauso schlecht. Ein weiterer Zeitzeuge, Jamshid, erinnert sich: „Jeder Schlafraum beherbergte 70 bis 100 Gefangene und jeder von uns hatte ungefähr 40 Quadratzentimeter Platz. […] Zwei Reihen große Fenster auf jeder Seite wurden verdunkelt, sodass wir die Nacht nicht vom Tag unterscheiden konnten.“ Ein Brief nach Hause braucht ein Jahr. Zudem wird die Post zensiert, sodass ihn kaum Informationen aus dem Iran erreichen. Atefi zitiert den Zeitzeugen weiter: Weder den irakischen Soldaten und Wärtern noch seinen eigenen Landsleuten, von denen viele der iranischen Hisbollah angehören, kann Jamshid trauen. Aus Angst mit einer der beiden Gruppen in Konflikt zu geraten, bleibt er allein. Er weiß, dass jeder Widerstand für ihn als Bahá’í noch größere Konsequenzen hätte. Seine Gebete verrichtet er während der Freitagsgebete in der Moschee oder in den seltenen Momenten, in denen er ohne seine Mitgefangenen im Schlafraum zurückleibt.

Andenken und Entschädigung wird verwehrt

Nach dem achtjährigen Krieg hören die Schwierigkeiten der im Krieg involvierten Bahá’í aber nicht auf. Die Hinterbliebenen der Kriegsopfer verbringen Jahre damit, die ihnen zustehende Pension einzuklagen, was in wenigen Fällen auch tatsächlich gelingt. Die Armee unterstützt die Familien der Kriegsopfer. Der Staat allerdings blockiert jeden Versuch, Zugeständnisse an die hinterbliebenen Bahá’í zu machen. Zeinalabedin Alai berichtet, seine Mutter habe zehn Jahre lang auf ihre Pension warten müssen. Eine Märtyrer-Stiftung archiviert die Akten der gefallenen Bahá’í mit der Begründung, dass diese einem „unnatürlichen, abartigen Kult“ angehörten.

Natürlich sind auch andere religiöse Minderheiten von den Diskriminierungen dieser Art betroffen, schreibt Atefi. Sie alle wurden gezwungen im „Krieg zwischen richtig und falsch“, wie Ayatollah Khomeini es nennt, zu kämpfen und sie alle wurden auf diese Weise von ihrer Regierung geopfert.

Hinweis: Sepher Atefis Beitrag erschien zuerst am 25. September 2013 auf der persischen Seite der BBC. Der englische Dienst Iran Press Watch brachte zwei Tage später eine englische Übersetzung. Foto: Hara1603/Wikipedia/Public Domain