Wirtschaftlicher Druck

Der Versuch, das wirtschaftliche Leben der Bahá’í zu zerstören, gehört schon seit der Islamischen Revolution 1979 zu den Facetten staatlicher Verfolgung, als die Regierung begann, alle im öffentlichen Dienst beschäftigten Bahá’í zu entlassen. Anschließend ging sie dazu über, den Bahá’í im Bereich der Privatwirtschaft die Geschäftslizenzen abzuerkennen. Auf diese Weise verloren Tausende Bahá’í über die letzten dreißig Jahre ihre Arbeit und damit die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die neunziger Jahre waren eine Phase relativer Sicherheit, während der der staatliche Druck abnahm. In jüngster Zeit hat die wirtschaftliche Strangulierung jedoch wieder zugenommen. Die Behörden versuchen, die Bahá’í im wahrsten Sinne des Wortes auszuhungern. Bahá‘í erhalten grundsätzlich keine Anstellung im öffentlichen Dienst, und Muslime werden oft unter Druck gesetzt, Bahá‘í-Angestellte zu entlassen. Die Behörden verlangen weiterhin horrende Summen von Bahá‘í – oft in Form der Überschreibung von Immobilien – als Sicherheit für Kautionen nach ungerechtfertigten Verhaftungen. Allein in der Provinz Teheran bestehen in 25 Branchen Berufsverbote gegen Bahá’í, da diese als „unrein“ gelten und nicht in Kontakt mit anderen Menschen kommen dürfen.

    • Einer der jüngsten Fälle zeigt, wie weit die Behörden zu gehen bereit sind, um die Lebensgrundlagen der Bahá’í in Semnan zu zerstören. Am 28. Mai 2012 führten Beamte des Geheimdienstes in zwei sich ganz oder teilweise im Besitz von Bahá’í befindlichen Fabriken in Nord-Semnan Razzien durch, um sie schließlich zu versiegeln. Eine Fabrik, in der Vorhänge produziert wurden, beschäftigte 51 Personen, von denen 36 keine Bahá’í waren. Die andere Fabrik, eine Glasschleiferei, hatte acht Mitarbeiter, von denen sechs keine Bahá’í waren. Solche Schließungen zeigen, dass die Regierung in ihrem fortwährenden Versuch, die Bahá’í wirtschaftlich zu vernichten, dazu bereit ist, auch andere Angestellte, darunter selbst schiitische Muslime, in wirtschaftliche Bedrängnis zu bringen. Der schleichende Entzug der Lebensgrundlage der Bahá’í in Semnan begann Anfang 2009, als die Handelskammer von Semnan mit ihren 39 Mitgliedsorganisationen den Beschluss fasste, den Bahá’í keine Gewerbelizenzen oder Betriebsgenehmigungen mehr auszustellen. Bereits bestehende Zulassungen sollten nicht mehr verlängert werden. Dadurch wurden in der gesamten Stadt Genehmigungen und Erlaubnisse von Bahá’í widerrufen und konfisziert. Beamte versiegelten die Eingangstüren zahlreicher Geschäfte von Bahá’í, um zu zeigen, dass sie von offizieller Seite geschlossen wurden.
    • Durchsuchen am Arbeitsplatz und in den Geschäften von Bahá’í haben in letzter Zeit auch in Isfahan zugenommen. Viele von Bahá’í geführte Geschäfte wurden durchsucht, um etwaige Bahá’í-Materialien zu finden als Beweise für die eigene Propaganda. Die Besitzer wurden dabei respektlos behandelt und mit der Konfiszierung der Geschäfts- oder Handelslizenz bedroht. Auch in Sari und Ghaemshahr wurden mehr als 70 Prozent der Bahá’í-Geschäfte und weitere in Gorgan und Gonbad durchsucht, zusammen etwa 50 Geschäfte.
    • Vor Kurzem hat das Public Places Supervision Office in Kerman Schritte unternommen, um die Bahá’í aus Branchen zu drängen wie Computertechnik, Immobilien, Eisen und Metalle, Gesundheits– und Kosmetikwesen sowie Nahrungsmittel. Dies geschieht durch den Entzug, die Nichtverlängerungen oder die Verweigerung von Geschäfts– und Handelslizenzen. Bahá’í wurde gesagt, dass es keine größere Zahl von Bahá’í-Filialen in einer Straße geben dürfte.
    • In einem anderen Fall aus der jüngsten Zeit wurde einem Bahá’í in Isfahan kurz vor seiner Entlassung mitgeteilt, dass seine einbezahlten Rentenzahlungen beschlagnahmt worden seien. Auf Nachfrage erhielt er Hinweise, wonach seine Beschwerde nicht bearbeitet werde, da dies ein „Nicht-Thema“ sei, angesichts der Tatsache, dass der Grund für seinen Arbeitsplatzverlust seine Mitgliedschaft in der „abweichlerischen Bahá’í-Sekte“ zu suchen sei. Als Bahá’í hätte er gar nicht erst eingestellt werden dürfen
    • Am 25. September 2012 erfuhr die Tochter eines pensionierten Arztes von der medizinischen Abteilung der Pensionskasse in Karaj, dass ihrem Vater die Rentenzahlung eingestellt wurde, weil er ein Bahá’í ist. Als sie daraufhin insistierte und dem Beamten fragte, ob er wüsste, wie viele Jahre ihr Vater dem iranischen Volk als Arzt gedient hatte, räumte dieser ein, er habe gelesen, wie ihr Vater von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf gereist sei, um der Landbevölkerung medizinische Behandlungen zu ermöglichen. Aber der Stopp der Rentenzahlung, so sagte er, sei „in Übereinstimmung mit der Fatwa des Imam, wonach die Zahlungen an alle Bahá’í gestoppt werden müssen.“
    • Kürzlich wurden Geschäftsleute in Khorramdasht aufgefordert, in der örtlichen Moschee Predigten zweier Geistlicher anzuhören. Ziel war, Zweifel an der Bahá’í-Religion zu säen. Es wurden Kopien von drei zuvor abgegebenen Fatwas bezüglich der Zusammenarbeit mit Bahá’í verteilt. In einer Fatwa des obersten Führers des Landes, Ali Khamenei, war zu lesen: „Alle Mitglieder der perverse Bahá’í-Sekte sind als blasphemisch und rituell unrein zu verurteilen. Alle Lebensmittel oder andere Gegenstände, die … von ihnen berührt werden, müssen gemieden werden. Es obliegt den Gläubigen, den Machenschaften und Perversitäten dieser fehlgeleiteten Sekte entgegenzutreten.“ Die anderen Dokumente enthielten Aussagen, wonach jede Form der Zusammenarbeit mit Bahá’í aus religiösen Gründen verboten sei, „außer in Fällen, wo es Hoffnung gibt, sie zu leiten [auf den rechten Pfad].“
    • Am 19. Juli 2012, einen Tag nach einem arbeitsfreien Bahá’í-Feiertag, wurden Bahá’í-Unternehmer in den Städten Semnan, Aligoudarz, Isfahan, Maschhad von den Behörden einbestellt. Die Beamten äußerten Einwände gegen die Schließung ihrer Geschäfte wegen des Feiertages und behaupteten, dass die Schließung der Verbreitung der Bahá’í-Religion gedient habe. Als Ergebnis dieser konzertierten Aktion wurden einige Unternehmen in Semnan geschlossen.