Jemen

Die Geschichte der jemenitischen Bahá’í-Gemeinde geht zurück auf die Anfänge des Bahá’í-Glaubens Mitte des 19. Jahrhunderts. In den letzten Jahrzehnten ist die Bahá’í-Gemeinde gewachsen, da verschiedene Teile der jemenitischen Gesellschaft von den Bahá’í-Lehren erfahren haben und sich von ihnen angezogen fühlen. Maßgeblich war, dass eine Gruppe jemenitischer Stammesangehöriger den Bahá’í-Glauben im Internet entdeckte und begann, den Bahá’í-Lehren zu folgen. Sie luden viele ihrer Freunde und andere Mitglieder ihrer Stämme zu ihren Aktivitäten ein. In der Folge haben sich Mitglieder jemenitischer Stämme, darunter einige ihrer prominenten Persönlichkeiten, zunehmend zum Bahá’í-Glauben bekannt und sich bemüht, ihre Ideale auf ihr individuelles und kollektives Leben anzuwenden. Obwohl es keine genauen Statistiken gibt, wird geschätzt, dass es inzwischen einige Tausend jemenitische Bahá’í gibt. Sie sind treue Bürger ihres Landes, die seine vielfältige Kultur repräsentieren und sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten leben, etwa in Sana’a, Taiz, Hudaydah, Ebb, Aden, Mukalla, Dhale, Shabwa und auf Sokotra.

Trotz der turbulenten Zeit des Bürgerkriegs im Jemen haben sich die Bahá’í geweigert, für eine der Gruppen Partei zu ergreifen. Sie versuchen stattdessen, der gesamten Bevölkerung zu dienen, wobei sie besonderes Augenmerk auf Jugendliche richten, die bestrebt sind, ihre Energien für die Erneuerung ihrer Gesellschaft durch den Dienst am Allgemeinwohl einzusetzen. Die Bahá’í haben in verschiedenen Bereichen, darunter Bauwesen, Medizin, Stammesversöhnung, Bildung, humanitäre Hilfe und Katastrophenhilfe, erheblich zur Eindämmung der humanitären Katastrophe im Jemen beigetragen.  Darüber hinaus haben sich Vertreter der jemenitischen Bahá’í-Gemeinde mit zahlreichen Regierungsvertretern, Stammesältesten, Universitätsprofessoren, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Diplomaten getroffen, um ihre Beziehungen zur Gesellschaft weiter zu stärken und ihre überparteilichen Anliegen zum Wohle aller ihrer Mitbürger zu erläutern.

Die Bahá’í entwickelten dadurch zunächst gute Beziehungen zu Behörden und Bevölkerungsgruppen, die sich jedoch seit der Machtübernahme der Huthis im Nordjemen in zunehmenden Druck auf die Bahá’í-Gemeinde wandelten. So folgten Verhaftungswellen in den Jahren 2016 und 2017, ein Todesurteil im Januar 2018 und ein weiterer laufender Prozess gegen 24 Angeklagte vor demselben Richter eines Huthi-Sondergerichts in Sana’a, das erst am 9. Juli 2019 30 Akademiker und Politiker zum Tode verurteilt hat.

Die Verfolgung der Bahá’í im Jemen gründet sich auf ein Iranisches Regierungsdokument zur „Bahá’í-Frage“, das im Jahr 1991 vom Obersten Führer der Republik unterzeichnet wurde und besagt: „Es muss ein Plan entwickelt werden, um ihre [Bahá’i] kulturellen Wurzeln außerhalb des Landes anzugreifen und zu zerstören.“ Sie folgt demselben Muster wie im Iran. Die von Huthi-Führer Abdul-Malik al-Huthi medial übertragenen Hassreden sind mit denen des Obersten Führers Khamenei vergleichbar. Die Inhaftierungen und Willkürurteile werden ebenfalls mit Spionage für Israel oder Apostasie begründet und sind Ausdruck tiefgreifender religiöser Vorurteile. bestätigt.

Der Einfluss des Iran auf die Nationale Sicherheitsbehörde und die sondergerichtliche Staatsanwaltschaft der Huthis wird von Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und unabhängigen Experten der Region, wie  den UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit, Herrn Ahmed Shaheed, bestätigt. In einer Erklärung vom 22. Mai 2017 beschreibt er die auffällige Ähnlichkeit der jüngsten Verfolgung der Bahá’í im Jemen mit der der Bahá’í im Iran wie folgt: „Die jüngste Eskalation des anhaltenden Verfolgungsmusters der Bahá’í-Gemeinde in Sana’a spiegelt die Verfolgung der im Iran lebenden Bahá’í wider.“ Er fügte hinzu, dass sich „die Belästigung der religiösen Minderheit der Bahá’í als religiöse Verfolgung im Jemen, wenn nicht sogar in noch schlimmerem Ausmaß, fortzusetzen scheint.“

Am 26. September 2018 äußerte sich die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe, Dr. Bärbel Kofler (SPD) zur Verfolgung der Bahá’í im Jemen und forderte die Freilassung der Bahá’í.

Anfang November 2018 hatte die Bundesregierung gemeinsam mit den USA, Kanada und Australien eine Erklärung unterzeichnet, in der sie ihre Besorgnis über die Verschlechterung der Behandlung der Bahá’í im Jemen, insbesondere durch die Huthis in Saana, zum Ausdruck brachten. In der Erklärung fordern sie die Huthis auf, alle Bahá’í sofort freizulassen.

Dennoch sind weiterhin sechs Bahá’í aufgrund ihres Glaubens inhaftiert und ebenso wie 19 weitere von der Todesstrafe bedroht.

Einen aktuellen Lagebericht zur Verfolgung der Bahá’í im Iran im PDF-Format finden sie HIER.