Verfolgung im Iran

Seit  über vier Jahrzehnten werden die Bahá’í vom Regime der Islamischen Republik Iran systematisch verfolgt. Seit 1979 wurden mehr als 200 Bahá’í hingerichtet, Tausende inhaftiert und Zehntausenden wird das Recht zur Berufsausübung, der Zugang zu Bildung und die freie Ausübung ihrer Religion verwehrt. Die iranische Staatsführung formulierte 1991 gar eine eigene Staatsdoktrin mit dem Ziel, die Bahá’í als lebensfähige Gemeinschaft im Iran und im Ausland auszuschalten

Der Iran ist zwar das Geburtsland Bahá‘u‘lláhs, des Stifters der Bahá’í-Religion. Er wurde jedoch 1868, achtzig Jahre vor Gründung des Staates Israel, durch die Herrscher Persiens und des Osmanischen Reiches in die damalige Gefängnisstadt ‘Akká bei Haifa, im heutigen Israel, verbannt. Von hier aus verbreitete sich die Bahá’í-Religion zu einer weltweiten Gemeinschaft mit über sechs Millionen Anhängern auf allen Kontinenten.

Trotzdem ist die Bahá‘í-Gemeinde im Iran bis heute die größte religiöse Minderheit geblieben. Ihre Mitglieder werden aber anders als Christen, Juden und Zoroastrier nicht als „anerkannte religiöse Minderheit“ in Artikel 13 der Verfassung genannt. Im Gegenteil: Bahá‘í gelten aufgrund ihres Anspruchs, einer nachislamischen Offenbarungsreligion anzugehören, als Apostaten und Häretiker. Sie werden als „Unreine“ und „perverse politische Sekte“ bezeichnet, neuerdings auch als „Kult“. Die mindestens 300.000 Angehörigen der Bahá’í-Religion gelten im Iran wahlweise als „Gefahr für die nationale Sicherheit“, „Spione des Westens“ oder „Zionisten“.

Die Unterstellung der Spionage für fremde Mächte dient seit fast hundert Jahren der Verfolgung der Bahá‘í im Iran. Seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden ihre Widersacher in Iran nicht müde, die neue Religion als „politische Sekte“ imperialistischer Regierungen zu bezeichnen. Sie habe das Ziel, die islamische Nation zu schwächen. So wurden die Bahá‘í nacheinander als Werkzeuge der russischen, dann der britischen und US-amerikanischen Expansionspolitik angeschuldigt, schließlich als Instrument des Zionismus.

Die haltlosen Anschuldigungen sollen der Rechtfertigung umfangreicher, systematischer und staatlich angeordneter Menschenrechtsverletzungen an den Bahá‘í dienen, die alle Lebensbereiche betreffen und dadurch jeden Bahá‘í bedrohen. Die grausame und unmenschliche Behandlung der Bahá‘í findet aller Rhetorik der wechselnden Regierungen zum Trotz vor dem Hintergrund staatlich beförderter Hetze und Hasspredigten statt, die Bomben- und Brandanschläge gegen ihre Geschäfte und Friedhofsschändungen als auch andere Formen des Terrorismus befeuert. Die Behörden nutzen die zunehmende Internet-Präsenz der iranischen Bevölkerung, um Hassreden über die Bahá’í und ihre Überzeugungen mit zunehmender Raffinesse in verschiedenen Teilen der Gesellschaft zu verbreiten.

In den letzten Jahren wurde der Iran Zeuge von Wirtschafts- und Gesundheitskrisen, die die gesamte Bevölkerung, einschließlich der Bahá’í, betreffen. Trotz dieser Krisen hat das systematische Verfolgungsprogramm gegen die gesamte Bahá’í-Gemeinde an Intensität zugenommen. Obwohl beispielsweise einige Bahá’í aufgrund von Maßnahmen, die die Behörden als Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie ergriffen haben, aus der Haft entlassen wurden, hat die Zahl der anhängigen Gerichtsverfahren im ganzen Land stetig zugenommen. Dadurch sind Hunderte von Bahá’í und Zehntausende ihrer Angehörigen starkem psychologischen Druck und Misshandlungen ausgesetzt, da viele Bahá’í wiederholt verhaftet werden, hohe Kautionen zahlen müssen und Monate oder sogar Jahre darauf warten müssen, jederzeit vor Gericht gestellt oder inhaftiert zu werden. Darüber hinaus bleiben Hunderte von Geschäften, die den Bahá’í gehören, von den Behörden versiegelt, wodurch Tausenden von ihnen ein lebensfähiges Einkommen vorenthalten wird. Für die Bahá’í bleiben der gesamte öffentliche Sektor und zahlreiche Berufe ausgeschlossen, ein Universitätsstudium unzugänglich und ihr Eigentum wird regelmäßig konfisziert.

Man kann mit Sicherheit sagen, dass kein Bahá’í im Iran von dieser Verfolgung unberührt bleibt, da die Behörden bestrebt sind, den Zustand ständiger Unsicherheit gegenüber den Bahá’í in allen Lebensbereichen zu verschärfen. Dies stellt die jüngste Phase eines kalkulierten Plans der Behörden dar, die gesamte Bahá’í-Gemeinde im Iran durch ihre allmähliche Strangulierung auszuschalten.


Einen aktuellen Lagebericht zur Verfolgung der Bahá’í im Iran im PDF-Format finden sie HIER.

Videoaufnahme einer Darstellung der Verfolgungslage von Jascha Noltenius (Sprecher der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland) bei einem Fachgespräch u.a. mit Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi am 30. August 2018