Einschüchterungen und Hassberichte

Die Bahá’í im Iran sehen sich einer beständigen Flut von Artikeln und Videos in den Medien ausgesetzt, in denen sie durch falsche Anklagen, hetzerische Wortwahl und geschmacklose Bildsprache dämonisiert und verleumdet werden. Insgesamt wurden im Zeitraum Januar bis April 2020 in staatlich kontrollierten (oder unterstützten) sowie klerikalen (und damit ebenfalls staatlich genehmigten) Medien über 3.000 Fälle von Anti-Bahá’í-Propaganda gezählt, wobei sich die monatliche Anzahl sich verdoppelte. Seit Ausbruch des Corona-Virus werden Bahá’í in Zeitungen und Nachrichtensendungen als Sündenböcke missbraucht. Ihnen wird haltlos vorgeworfen, Mund-Nasen Schutzmasken sowie Hygieneartikel zu horten sowie das Leid ihrer Mitbürger zu bejubeln. 

Am 26. März 2018 veröffentlichte der Oberste Führer Ali Khamenei auf seiner Webseite eine Fatwa über „Association and dealing with Bahá’ís“ mit der Aussage: „You should avoid any association and dealings with this perverse and misguided sect.“ Weitere jüngste Beispiele für mediale Hassanstiftung: 

● Mit dem Ziel, eine fälschliche Beteiligung der Bahá’í-Gemeinde an den landesweiten Unruhen im Iran Anfang 2018 zu suggerieren, publizierte das Onlinejournal Hegmataneh über seinen Telegram-Kanal einen fingierten Bericht über die Verhaftung einiger Bahá’í bei den Demonstrationen.  

● Am 3. Oktober 2018 erging ein Schreiben an die „Islamic Consultative Assembly“ der Provinz Fars, das von einigen Mitgliedern derselben unterzeichnet war und sich auf die Frage von Bürgerrechten für Bahá’í bezog. Darin heißt es u.a. „The people of Fars and Shiraz, patriotic to their province, have been in the vanguard of the battle against British colonialism and the perverse sect of Bahaism.”  Weiterhin “… we plea to the relevant authorities to protect the citizenship rights of the upright people of Iran within the framework of the Constitution, and do not allow the perverse and satanic sects and the Bahá’í sect, established and supported by the British, as well as those who are protecting them, to conspire and flourish …”. 

● Am 8. April 2019 suchten Iranische Behörden anlässlich eines schiitischen Feiertages Geschäfte in Shiraz auf und forderten deren Inhaber auf, an einer verleumderischen Frage-Antwort-Runde über den Bahá’í-Glauben zu beteiligen sowie ein mit Hetzartikeln gefülten Anti-Bahá’í-Magazin in ihrem Laden auszulegen. Obwohl eine große Mehrheit dies ablehnte, verlangten die Behörden die Druckkosten von allen Ladeninhaber, selbst den Bahá’í, heraus.

● Der Kurzbotschaftendienst Twitter sperrte am 20. Juli 2019 die Konten mehrerer Iranischer Staatsmedien. Ein Twitter-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Sperrungen seien eine Reaktion auf „koordinierte und gezielte Belästigungen“ von Bahá’í durch diese Iranischen Staatsmedien. Twitter ist – wie Facebook – im Iran verboten. Dennoch nutzen viele offizielle Vertreter des Landes den Kurzbotschaftendienst. Auch viele Privatpersonen im Iran umgehen über ein virtuelles privates Kommunikationsnetz (VPN) die Zensur und haben Zugang zu Twitter. Nur wenige Tage darauf veröffentlichte die staatsnahe Nachrichtenagentur FarsNews erneut einen Artikel, der Verschwörungsmythen über Bahá’í enthält.

Iranische Behörden verwehren Bahá’í kategorisch, eine mediale Richtigstellung der Informationen über ihren Glauben zu erwirken, obgleich sie damit Artikel 23 des Iranischen Pressegesetzes verletzen.

Die Regierung beschränkt sich bei ihren Aktionen nicht mehr nur auf die Bahá‘í selbst, sondern auch auf Freunde, Nachbarn, Mitarbeiter und Geschäftspartner, die selbst keine Bahá‘í sind. In einigen Städten haben die aufrührerischen Hasspredigten der muslimischen Geistlichkeit bereits die Bevölkerung gegen die Bahá‘í aufgehetzt. So werden in einigen Städten Petitionen gegen die Bahá‘í ausgelegt und bei Freitagspredigten vor den Moscheen Unterschriften gegen die Bahá’í gesammelt. Beamte des Geheimdienstministeriums haben zudem gegenüber den Bahá’í verlauten lassen, dass sie sich nicht in der Lage sehen, die Bahá‘í gegen den aufgehetzten Mob zu „schützen“. Bei einer Vernehmung von Bahá‘í in der Stadt Schiras wurde vonseiten der Regierungsvertreter auch auf die erstarkte Hojjatieh-Gesellschaft hingewiesen. Diese als Anti-Bahá‘í-Gesellschaft gegründete Organisation sowie die Basij-Milizenwurden benannt, als der Regierungsvertreter in zynischer Weise davon sprach, dass die Regierung den „Schutz“ der Bahá‘í nicht mehr oder unzureichend gewährleisten könne.

Hasssendungen gegen die Bahá‘í, in denen häufig einflußreiche Persönlichkeiten, wie Kleriker, Redakteure und Regierungsbeamte zu Wort kommen werden regelmäßig von Nachrichtenagenturen veröffentlicht, die dem Staat zumindest nahe stehen, darunter Aftab News, Basij News, Fars News, Fergie News, Hawzah News, Iranian Quran News Agency, QudsOnline, Rasa News und Shabestan News.

In einer umfangreichen Medienkampagne, die außerhalb des Iran praktisch unbemerkt bleibt, wird systematisch Hass und Diskriminierung gegen die Bahá’í Irans geschürt. Unter großem Aufwand werden sie in der Öffentlichkeit dämonisiert und verleumdet. In einem am 21. Oktober 2011 veröffentlichten Bericht („Inciting Hatred: Iran’s media campaign to demonize Baha’is“) benennt und analysiert die Internationale Bahá’í-Gemeinde mehr als 400 Presse- und Beiträge gegen die Bahá’í in den iranischen Medien. Sie geben einen Einblick in die perfide, staatlich geförderte Hetzkampagne, mit der die Bahá’í durch falsche Anklagen, aufhetzerische Wortwahl und geschmacklose Bildsprache dämonisiert und verleumdet werden. Der Bericht gibt Beiträge aus einem Zeitraum von 16 Monaten wieder. Die Propaganda gegen die Bahá’í stammt und ist abgesegnet von den höchsten Führungsschichten der Islamischen Republik, einschließlich des Obersten religiösen Führers, Ayatollah Ali Khamenei. Die Kampagne verstößt gegen die völkerrechtlichen Verpflichtungen des Iran , darunter die richtungsweisende Resolution des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen von diesem Jahr, welche negatives Stereotypisieren und das Schüren von Hass gegen religiöse Minderheiten dezidiert verurteilt und bekämpft.

Im Zuge der innenpolitischen Auseinandersetzungen nach den Präsidentschaftswahlen am 12. Juni 2009 waren im Teheraner Straßenbild Plakate gegen die Bahá‘í zu sehen. Kurz, nachdem Irans damaliger Außenminister Mottaki öffentlich die britische Regierung beschuldigte, die „aufsässige Sekte der Bahá‘í“ zu unterstützen, tauchten Plakate mit der Schrift auf: „BBC: Bahá‘í Broadcasting Company“ – ein weiterer Versuch, die iranische Bahá‘í-Gemeinde als Gründung imperialer Mächte zu denunzieren.

Bahá’í werden in ihrem eigenen Land als “Andere” bzw. Außenseiter und Feinde des Islam gebrandmarkt, und zwar auf eine Art und Weise, die klar und deutlich darauf abzielt, die religiösen Empfindlichkeiten iranischer schiitischer Muslime zu verletzen. Die Kampagne soll zudem die Aufmerksamkeit von dem Ruf nach Demokratie in Iran ablenken, indem die Bahá’í als „Sündenböcke“ für alles herhalten müssen und gleichzeitig Regierungsgegner und Menschenrechtsverteidiger als Bahá’í verleumdet werden, als ob dies das abscheulichste Verbrechen wäre. Die Behörden streuen weiterhin groteske Verschwörungstheorien, etwa dass ausländische Medien, vor allem die British Broadcasting Corporation (BBC) und Voice of America (VOA) von Bahá’í kontrolliert oder beeinflusst werden, weil sie Beiträge über Menschenrechtsverletzungen im Iran senden.

Es häufen sich zudem Berichte, wonach Häuser und Geschäfte der Bahá‘í mit Hassparolen beschmiert werden und mit Molotowcocktails bewaffnete Unbekannte Bahá‘í-Wohnungen angreifen. So wurden vielfach Häuser und Geschäfte mit Anti-Bahá’í-Graffiti beschmiert, die u.a. lauteten: „Tod den Bahá’í-Spionen von Amerika und Israel“ oder „Bahá’í sind unrein.“

 

Fallstudie über Religiösen Hass in Semnan (Engl.:“Inciting Hatred – The Bahá’ís of Semnan – A case study in religious hatred“, 45 Seiten, NY, 2012) PDF