Einschüchterungen und Hassberichte

Die Bahá’í im Iran sehen sich einer beständigen Flut von Artikeln und Videos in den Medien ausgesetzt, in denen sie durch falsche Anklagen, hetzerische Wortwahl und geschmacklose Bildsprache dämonisiert und verleumdet werden. Insgesamt wurden seit Januar 2014 in staatlich kontrollierten (oder unterstützten) sowie klerikalen (und damit ebenfalls staatlich genehmigten) Medien 39.361 Fälle von Anti-Bahá’í-Propaganda gezählt. Besorgniserregend ist auch die zunehmende Einschüchterung von Kindern in Schulen.

Kinder und Jugendliche, von denen bekannt ist, dass sie Bahá’í sind, werden in Grund-, Mittel- und Oberschulen überall im Iran schikaniert, verunglimpft und psychisch unter Druck gesetzt. Diese Missbräuche werden oft von ihren Lehrern und Schulleitungen begangen. Vielen Schülern wurde ein Schulverweis angedroht oder sie werden gezwungen, die Schule zu wechseln. In Hunderten von Vorfällen wurden junge Bahá’í unter Druck gesetzt, zum Islam zu konvertieren, zur Verwendung von Lehrbüchern gezwungen, die ihr religiöses Erbe verunglimpfen und verfälschen, und sie werden durch verbale Angriffe auf ihren Glauben an der Schule isoliert. Jedes Kind, das den Mut hat, etwas zu erwidern, wird stark getadelt. Alleine im Januar und Februar 2007, wurden über 150 solcher Vorfälle aus zehn verschiedenen Städten gemeldet, und von Oktober 2008 bis Februar 2009 erhielt die Bahá’í International Community Berichte über mehr als 100 Vorfälle an einem Dutzend verschiedener Orte. Parallel dazu wurden die Lehrer über den Bahá’í-Glauben mit Materialien „aufgeklärt“, die Lügen enthalten, die denen der staatlich geförderten Medienpropaganda in ihrer Aufstachelung zu Hass und Intoleranz sehr ähneln. Nachfolgend finden Sie einige Beispiele für Verfolgung von Kindern:

● Im März 2017 bat eine Musikschule in einer Stadt im Norden des Iran die Eltern ihrer Schüler um die Erlaubnis, an einem Konzert an einem bekannten öffentlichen Ort aufzutreten, der im Zuständigkeitsbereichs der Bezirksstelle des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung gehört. Die Sicherheitsabteilung dieses Ministeriums identifizierte zwei Bahá’í-Schüler und bat die Schule, ihre Namen aus der Liste der Künstler zu streichen und zu verhindern, dass sie beim Konzert anwesend sind. Die Schule bedauerte dies, sagte aber, dass sie in Übereinstimmung mit den Anweisungen des Kulturministeriums handelte. Die Namen der Bahá’í und der Schule werden nicht erwähnt, da die betroffenen Bahá’í anonym bleiben wollen.

● Im November 2017 wurde eine in Sari lebende Bahá’í-Schülerin der achten Klasse wegen ihres religiösen Glaubens von ihrer Schule verwiesen und auf eine andere Schule in einem zehn Kilometer von der Stadt entfernten Dorf geschickt.

● Im Januar 2018 wurde bekannt, dass von der Sicherheitsabteilung des Bildungsministeriums der Provinz Mazandaran ein Formular für statistische Zwecke an Schulen verteilt wird. Es scheint, dass jedes Schuljahr die Statistiken der Bahá’í-Schüler vom Bildungsministerium an Schulen erhoben werden.

 

Am 26. März 2018 veröffentlichte der Oberste Führer Ali Khamenei auf seiner Webseite eine Fatwa über „Association and dealing with Bahá’ís“ mit der Aussage: „You should avoid any association and dealings with this perverse and misguided sect.“ Weitere jüngste Beispiele für mediale Hassanstiftung: 

● Mit dem Ziel, eine fälschliche Beteiligung der Bahá’í-Gemeinde an den landesweiten Unruhen im Iran Anfang 2018 zu suggerieren, publizierte das Onlinejournal Hegmataneh über seinen Telegram-Kanal einen fingierten Bericht über die Verhaftung einiger Bahá’í bei den Demonstrationen.  

● Am 3. Oktober 2018 erging ein Schreiben an die „Islamic Consultative Assembly“ der Provinz Fars, das von einigen Mitgliedern derselben unterzeichnet war und sich auf die Frage von Bürgerrechten für Bahá’í bezog. Darin heißt es u.a. „The people of Fars and Shiraz, patriotic to their province, have been in the vanguard of the battle against British colonialism and the perverse sect of Bahaism.”  Weiterhin “… we plea to the relevant authorities to protect the citizenship rights of the upright people of Iran within the framework of the Constitution, and do not allow the perverse and satanic sects and the Bahá’í sect, established and supported by the British, as well as those who are protecting them, to conspire and flourish …”. 

● Am 8. April 2019 suchten Iranische Behörden anlässlich eines schiitischen Feiertages Geschäfte in Shiraz auf und forderten deren Inhaber auf, an einer verleumderischen Frage-Antwort-Runde über den Bahá’í-Glauben zu beteiligen sowie ein mit Hetzartikeln gefülten Anti-Bahá’í-Magazin in ihrem Laden auszulegen. Obwohl eine große Mehrheit dies ablehnte, verlangten die Behörden die Druckkosten von allen Ladeninhaber, selbst den Bahá’í, heraus.

● Der Kurzbotschaftendienst Twitter sperrte am 20. Juli die Konten mehrerer Iranischer Staatsmedien. Ein Twitter-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Sperrungen seien eine Reaktion auf „koordinierte und gezielte Belästigungen“ von Bahá’í durch diese Iranischen Staatsmedien. Twitter ist – wie Facebook – im Iran verboten. Dennoch nutzen viele offizielle Vertreter des Landes den Kurzbotschaftendienst. Auch viele Privatpersonen im Iran umgehen über ein virtuelles privates Kommunikationsnetz (VPN) die Zensur und haben Zugang zu Twitter. Nur wenige Tage darauf veröffentlichte die staatsnahe Nachrichtenagentur FarsNews erneut einen Artikel, der Verschwörungsmythen über Bahá’í enthält.

Iranische Behörden verwehren Bahá’í kategorisch, eine mediale Richtigstellung der Informationen über ihren Glauben zu erwirken, obgleich sie damit Artikel 23 des Iranischen Pressegesetzes verletzen.

Die Regierung beschränkt sich bei ihren Aktionen nicht mehr nur auf die Bahá‘í selbst, sondern auch auf Freunde, Nachbarn, Mitarbeiter und Geschäftspartner, die selbst keine Bahá‘í sind. In einigen Städten haben die aufrührerischen Hasspredigten der muslimischen Geistlichkeit bereits die Bevölkerung gegen die Bahá‘í aufgehetzt. So werden in einigen Städten Petitionen gegen die Bahá‘í ausgelegt und bei Freitagspredigten vor den Moscheen Unterschriften gegen die Bahá’í gesammelt. Beamte des Geheimdienstministeriums haben zudem gegenüber den Bahá’í verlauten lassen, dass sie sich nicht in der Lage sehen, die Bahá‘í gegen den aufgehetzten Mob zu „schützen“. Bei einer Vernehmung von Bahá‘í in der Stadt Schiras wurde vonseiten der Regierungsvertreter auch auf die erstarkte Hojjatieh-Gesellschaft hingewiesen. Diese als Anti-Bahá‘í-Gesellschaft gegründete Organisation sowie die Basij-Milizenwurden benannt, als der Regierungsvertreter in zynischer Weise davon sprach, dass die Regierung den „Schutz“ der Bahá‘í nicht mehr oder unzureichend gewährleisten könne.

Hasssendungen gegen die Bahá‘í, in denen häufig einflußreiche Persönlichkeiten, wie Kleriker, Redakteure und Regierungsbeamte zu Wort kommen werden regelmäßig von Nachrichtenagenturen veröffentlicht, die dem Staat zumindest nahe stehen, darunter Aftab News, Basij News, Fars News, Fergie News, Hawzah News, Iranian Quran News Agency, QudsOnline, Rasa News und Shabestan News.

In einer umfangreichen Medienkampagne, die außerhalb des Iran praktisch unbemerkt bleibt, wird systematisch Hass und Diskriminierung gegen die Bahá’í Irans geschürt. Unter großem Aufwand werden sie in der Öffentlichkeit dämonisiert und verleumdet. In einem am 21. Oktober 2011 veröffentlichten Bericht („Inciting Hatred: Iran’s media campaign to demonize Baha’is“) benennt und analysiert die Internationale Bahá’í-Gemeinde mehr als 400 Presse- und Beiträge gegen die Bahá’í in den iranischen Medien. Sie geben einen Einblick in die perfide, staatlich geförderte Hetzkampagne, mit der die Bahá’í durch falsche Anklagen, aufhetzerische Wortwahl und geschmacklose Bildsprache dämonisiert und verleumdet werden. Der Bericht gibt Beiträge aus einem Zeitraum von 16 Monaten wieder. Die Propaganda gegen die Bahá’í stammt und ist abgesegnet von den höchsten Führungsschichten der Islamischen Republik, einschließlich des Obersten religiösen Führers, Ayatollah Ali Khamenei. Die Kampagne verstößt gegen die völkerrechtlichen Verpflichtungen des Iran , darunter die richtungsweisende Resolution des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen von diesem Jahr, welche negatives Stereotypisieren und das Schüren von Hass gegen religiöse Minderheiten dezidiert verurteilt und bekämpft.

Im Zuge der innenpolitischen Auseinandersetzungen nach den Präsidentschaftswahlen am 12. Juni 2009 waren im Teheraner Straßenbild Plakate gegen die Bahá‘í zu sehen. Kurz, nachdem Irans damaliger Außenminister Mottaki öffentlich die britische Regierung beschuldigte, die „aufsässige Sekte der Bahá‘í“ zu unterstützen, tauchten Plakate mit der Schrift auf: „BBC: Bahá‘í Broadcasting Company“ – ein weiterer Versuch, die iranische Bahá‘í-Gemeinde als Gründung imperialer Mächte zu denunzieren.

Bahá’í werden in ihrem eigenen Land als “Andere” bzw. Außenseiter und Feinde des Islam gebrandmarkt, und zwar auf eine Art und Weise, die klar und deutlich darauf abzielt, die religiösen Empfindlichkeiten iranischer schiitischer Muslime zu verletzen. Die Kampagne soll zudem die Aufmerksamkeit von dem Ruf nach Demokratie in Iran ablenken, indem die Bahá’í als „Sündenböcke“ für alles herhalten müssen und gleichzeitig Regierungsgegner und Menschenrechtsverteidiger als Bahá’í verleumdet werden, als ob dies das abscheulichste Verbrechen wäre. Die Behörden streuen weiterhin groteske Verschwörungstheorien, etwa dass ausländische Medien, vor allem die British Broadcasting Corporation (BBC)und Voice of America (VOA)von Bahá’í kontrolliert oder beeinflusst werden, weil sie Beiträge über Menschenrechtsverletzungen in Iran senden.

Es häufen sich zudem Berichte, wonach Häuser und Geschäfte der Bahá‘í mit Hassparolen beschmiert werden und mit Molotowcocktails bewaffnete Unbekannte Bahá‘í-Wohnungen angreifen. So wurden vielfach Häuser und Geschäfte mit Anti-Bahá’í-Graffiti beschmiert, die u.a. lauteten: „Tod den Bahá’í-Spionen von Amerika und Israel“ oder „Bahá’í sind unrein.“

 

Fallstudie über Religiösen Hass in Semnan (Engl.:“Inciting Hatred – The Bahá’ís of Semnan – A case study in religious hatred“, 45 Seiten, NY, 2012) PDF