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Mitten in der Pandemie: Iran zielt erneut auf Bahá’í

Jascha Noltenius, Natalie Amiri, Isabel Schayani, Varqa Mehdizadeh und Sepehr Atefi (v.l.n.r.) sprachen über die zunehmende Verfolgung der Bahá'í in Iran.

Videokonferenz mit Betroffenen und Experten zur aktuellen Lage der größten religiösen Minderheit

Seit Anfang Mai verstärken sich in Iran die Festnahmen, Inhaftierungen, Verurteilungen und Hasspropaganda gegenüber Angehörigen der Bahá’í-Religion. Mindestens 77 Mitglieder der größten nicht-muslimischen religiösen Minderheit in Iran wurden in den vergangenen Wochen von Iranischen Behörden ins Visier genommen.

Besonders sichtbar wurde dies in der Stadt Schiras, wo in den letzten Wochen zehn Bahá‘í aufgrund ihres Glaubens zu Haftstrafen von bis zu 13 Jahren verurteilt wurden. Unter ihnen einige Mütter und die Eltern eines krebskranken Kindes. In einem dieser Verfahren drohte ein Justizbeamter auch, „die gesamte Gemeinde zu entwurzeln“.

Die offizielle Staatsdoktrin, die von den Vereinten Nationen 1993 aufgedeckt wurde, besagt, dass die Bahá’í in Iran „als lebensfähige Einheit ausgeschaltet“ werden sollen, dass „ihre kulturellen Wurzeln auch im Ausland zerstört“ werden sollen, wie aktuell im Jemen zu sehen ist. Internationale Stellungnahmen und öffentlicher Druck sind unerlässlich und müssen aufrechterhalten werden. 

Um der Dramatik der aktuellen Menschenrechtslage der Bahá’í in Iran ein Gesicht zu geben, lud die Bahá’í-Gemeinde Mitte Juni zu einer Videokonferenz mit Betroffenen und Experten ein. 

Über die Eskalation der Verfolgung der Bahá’í in Iran sprach Isabel Schayani mit der Journalistin und langjährigen ARD-Korrespondentin in Teheran, Natalie Amiri, dem Menschenrechtsbeauftragten der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland, Jascha Noltenius, dem Menschenrechts-Blogger Sepehr Atefi und dem Fotografen Varqa Mehdizadeh, die beide als Bahá‘í aus dem Iran geflohen sind.

Natalie Amiri beschrieb das menschenunwürdige Leben, das Bahá‘í in Iran aufgrund der Repression des Staates leben müssen: 

„Dann gibt es die Bahá’í. Das ist die größte Gruppe unter den Minderheiten – bis zu 300.000 im Iran und diese Gruppe ist nicht anerkannt. Sie darf nicht existieren, man hätte sie am liebsten überhaupt nicht existent. Sie sind Hetzkampagnen ausgesetzt. Über 200 Hinrichtungen gab es an Bahá’í seit der Islamischen Republik 1979. Sie werden verunglimpft und diffamiert als eine vom Ausland gesteuerte Sekte. Sie werden beschimpft. Sie haben keine Rechte. Seit 40 Jahren verfolgt man sie und sie werden systematisch in allen Lebensbereichen diskriminiert.

Die Bahá’í, die ich getroffen habe werden nicht von der Gesellschaft diskriminiert. Sie sind willkommen in der iranischen Gesellschaft. Man schätzt sie, gerade weil sie so vornehm und so höflich, so zurückhaltend sind. Weil sie nicht lügen. Weil sie einfach ihre Religion so diszipliniert ausüben. Ich meine, das kennt man ja auch von Schiiten im Iran, dass man eher versucht, die Religion zu umgehen. Also ich habe es erlebt im Iran, dass man den Bahá’í eher Respekt entgegenbringt.

Man weiß, welchen Repressionen die Bahá’í ausgesetzt sind. Man weiß, wie schlecht es ihnen geht. Man weiß, dass sie aus Universitäten ausgeschlossen sind, aus Schule ausgeschlossen sind. Man weiß auch, dass sie verhaftet werden, dass sie oft keinen Anwalt zur Seite gestellt bekommen. Sehr viele Iraner sind auch Opfer des Systems. Das heißt, sie haben einfach Angst, den Bahá’í zu helfen, weil sie auch selber keine Rechte haben. Wer auf die Straßen geht und protestiert – das haben wir im Januar gesehen und auch letzten November, aber auch in den Jahren zuvor, 2009 – sie haben ja selber keine Rechte.“

Varqa Mehdizadeh und seine Frau waren acht Monate in Iran inhaftiert bevor sie im Jahr 2018 nach Luxembourg fliehen konnten. Er berichtete ausführlich davon, was mit ihm und seiner Frau passierte, als sie auf offener Straße festgenommen und inhaftiert wurden; wie sie das Gefängnis überlebten und wie es ihnen danach erging. Ihr gut laufendes Fotostudio mit 30 Angestellten wurde illegal konfisziert, ihren muslimischen Geschäftspartnern gedroht und so beraubte man sie ihrer Existenzgrundlage. Varqa Mehdizadeh beschreibt eindringlich, wie die Lebensbedingungen aussehen, wenn man nach Monaten oder manchmal Jahren aus der Haft entlassen wird: 

„Es mag sein, dass man nach der Freilassung mit der Tatsache zurechtkommen muss, dass geliebte Menschen gestorben sind. Oder Sie hören (im Gefängnis), dass jemand gestorben ist und Sie nicht einmal an der Beerdigung teilnehmen dürfen. Sie können in der Situation sein, dass Sie nach Ihrer Entlassung Ihr Kind zurückhaben, das seine Mutter und seinen Vater jahrelang nicht gesehen hatte. Es könnte auch sein, dass Ihr Partner allein zurechtkommen musste, was in der wirtschaftlichen Lage, in der sich der Iran befindet, sehr schwierig ist. Möglicherweise wurde Ihr Geschäft geschlossen, Ihre Kunden sind weg und natürlich auch Ihr Geld. Und während es im Iran eine Inflationsrate von 200 Prozent gibt, müssen Sie bei null anfangen.“

Der Menschenrechtsaktivist Sepehr Atefi wurde wegen seiner Zugehörigkeit zur Bahai-Religion nicht zum Studium zugelassen.  Er ist 2010 aus dem Iran geflohen und lebt seitdem als Filmemacher und Journalist in Deutschland. Er sagt: 

„Die Welt ist mit derzeit anderen Problemen beschäftigt. Das ist natürlich eine perfekte Gelegenheit für die Islamische Republik, um die Verfolgung der Bahai zu intensivieren, (..) die profitieren von der Dunkelheit, von der Abschaltung des Internets und von anderweitigen Problemen in der Welt, die verhindern, dass sich die Welt auf die Menschenrechte im Iran konzentriert. Die Verfolgung der Bahá’í entspringt einfach der Angst. Die Bahá’í im Iran haben eine attraktive Alternative für den Iran und sie sind natürlich einig und verbunden miteinander, denn sie werden alle als Verbrecher behandelt. Wenn du als Bahá’í-Kind im Iran nicht an die Universität denken, nicht fantasieren kannst, ist das eine Methode eines solchen Systems. Die Islamische Republik möchte einfach, dass die Bahá’í den Iran verlassen. Sie haben dies oft in privaten Gesprächen gesagt: sie möchten keine Bahá’í, sie möchten die Bahá’í ins Ausland schicken. Je mehr die Leute diese Propaganda gegen Bahá’í in Zeitschriften und nationalen Fernsehen sehen, desto mehr Mitgefühl haben sie mit den Bahá’í. Denn sie haben erlebt, dass das was die Islamische Republik sagt, nicht immer das Beste für die Leute und die Welt ist.“

Die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Dr. Bärbel Kofler, fand indessen auf Twitter deutliche Worte: „Wieder sind Angehörige der Bahai wegen ihrer Religionszugehörigkeit verhaftet, vor Gericht geladen, inhaftiert und verurteilt worden. Ich fordere die Führung in Iran auf: Lasst alle religiösen Minderheiten des Landes friedlich ihren Glauben ausüben.“

Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Bärbel Kofler, forderte bei Twitter die Gewährleistung von Religionsfreiheit in Iran.

Die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland schließt sich der Forderung der Bundesregierung dankend an. 

Das vollständige Experten-Gespräch können Sie hier sehen: